Wald statt Stadt

8 Tage im Wald

Ein Zelt auf Herbstblättern aufschlagen? Naja, Sommerfeeling auf dem Campingplatz sieht anders aus. Ausgerüstet mit Zelt, Schlafsack und Kamera mache ich mich auf den Weg nach Bern-Bethlehem – Ausfahrt „Wald“. Dort leben seit Sommer 2019 eine Handvoll Leute in der Natur, egal ob Sommer oder Winter. Für 2 Wochen werde ich bei ihnen aufgenommen und verbringe 8 Tage im Wald – Tag und Nacht. Ich begleite sie mit der Kamera und drehe eine Reportage für die Diplomarbeit an der Journalistenschule MAZ Luzern. Ich nehme am Alltag der Waldmenschen teil. Vom Wasser holen über das Pilze sammeln bis zum Hütte bauen. In der ersten Nacht kann ich wegen des starken Regens mein Zelt nicht aufschlagen. Einer von ihnen (Chrütli) bietet mir seinen Unterstand an. Die erste Nacht verbringe ich an der Feuerstelle im Schlafsack. Gesellschaft leistet mir an diesem Abend die Hündin Renja, eine 14-jährige Collie-Dame. Am zweiten Tag klappt es dann mit dem Zeltaufbau. Der Oktober/November 2019 ist gnädig und so sinken die Temperaturen in der Nacht nie unter den Gefrierpunkt. Die Waldmenschen sagen, ich hätte Glück, es sei um diese Jahreszeit immer noch erstaunlich warm.

Ohne Strom geht es für mich nicht. Damit ich mit der Kamera durchgehend filmen kann, fahre ich mehrmals in die Redaktion fürs Laden der Akkus und Sichern des Videomaterials. Nicht nur ich bin vom Strom abhängig. Auch die Waldmenschen wissen sich zu helfen. Mit Solarreflektoren betreiben sie ihre Handys und Tablets.  Auf der Facebook-Seite Lebenskünstler Bremgartenwald halten sie die Öffentlichkeit auf dem Laufenden.

       

200 Meter neben der Autobahn


Die Autobahn rauscht nebenan, abends beim Einschlafen und morgens beim Erwachen. Der Puls der Stadt nagt am Wald. Helikopter kreisen am Himmel. 100 Meter neben ihrem Lager zieht ein Vitaparcours-Posten Hobby-Sportler an und immer wieder spielen Kinder „Fangis“ beim Kindergarten am Waldrand. Dennoch fühlen sich die Waldmenschen pudelwohl am neuen Ort. Auch ich fühle mich wohl und schlafe in der Nacht problemlos tief und fest, eingedeckt im Schlafsack und Wolldecke. Nur die Kamera bekundet Mühe mit dem kalten und feuchten Klima und läuft am frühen Morgen an. Deshalb schläft auch sie im Schlafsack.

Zu Fuss ist man in 10 Minuten am Stadtrand, inkl. Bushaltestelle und Einkaufsläden. Eine Abschottung fern von der Stadt kommt für sie nicht in Frage. Sie sind von der Zivilisation abhängig. Sei es wegen den öffentlichen Toiletten, den Einkaufsmöglichkeiten oder ihrem Bekanntenkreis. So weit es geht leben sie davon, was der Wald hergibt: Beeren, Kräuter und Pilze. Für alles Andere braucht es den Lebensmittelladen.


Zauber der Natur

Trotz Lärm nebenan liegt für die Waldmenschen eine Magie der Natur in der Luft. Alex hat eine Lehre als Informatiker abgeschlossen und arbeitete beim Bundesamt für Informatik sowie an der Uni Bern. Der 23-jährige Berner hat sich danach entschieden, seinen Job und seine Wohnung an den Nagel zu hängen – trotz sicherer Arbeitsstelle und geregeltem Einkommen. Seit April 2019 wohnt er im Wald. Er will sich nicht mehr von technischen Apparaturen verzaubern lassen, wie er es nennt, sondern von der Natur. Er betreibt eine eigene Website, wo er seine Weltanschauung präsentiert. Im Lager richtet er einen Router mit W-LAN ein, an dem sich auch die Anderen bedienen können. Alex ist oft barfuss unterwegs, auch beim Wasserholen. Einmal pro Woche füllen die Waldmenschen beim Glasbrunnen ihre Wasserreserven auf. Diese brauchen sie zum Trinken und fürs Kochen.


Dach über dem Kopf

Den Sturm „Burglind“ im Jahr 2018 haben sie gut überstanden, trotz einfacher Konstruktion der Hütten. Im Sommer 2019 haben die Waldmenschen ihren Standort im Bremgartenwald verlassen, weil die Berner Burgergemeinde immer wieder juristische Schritte einleitete. Das Campen im Wald ist illegal. Mit Sack und Pack sind die Waldmenschen weitergezogen auf Boden der Stadt Bern. Gemäss dem Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause werden sie „auf Zusehen hin“ geduldet. Die Waldmenschen müssen sich daran halten, keine feste Einrichtungen zu installieren. Sie richten sich mit einfachen Mitteln ein, so wie Älu. Er ist im Sommer zu den Waldmenschen zurückgekehrt. Am alten Standort lebte er 3 Jahre lang. In der Zwischenzeit hielt er es nicht lange in der Wohnung aus. Zu gross war der Stress im Alltag und davon bekam er psychische Probleme. Am neuen Standort baute er sich innerhalb von 3 Tagen ein neues Zuhause auf. Das Lager der Waldmenschen wird von Männern dominiert. Bis jetzt leben keine Frauen im Wald. Das liege vor allem an den fehlenden sanitären Anlagen, meint Älu. Denn es gäbe durchaus auch Frauen, die sich mit diesem Lebensstil identifizieren können.

Neues Zuhause in 8 Schritten


Taschengeld

Jeder hat seine eigene Einnahmequelle. Als temporärer Zügelmann, Hunde-Sitter oder Strassenmusiker. Eine monatliche Wohnungsmiete gibt es im Wald nicht. Die Meisten zahlen weder Krankenkasse noch Steuern. Beim alten Standort im Bremgartenwald hatten sie oft Besuch von der Polizei. Wegen ihrem Lebensstil kommen sie immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Widi musste insgesamt zweieinhalb Monate ins Gefängnis, wegen dem „Waldleben“ und Musizieren auf der Strasse.

Chrütli hat eine weitere Einnahmequelle. Auf der Gasse verkauft er selbstgeschnitzte Schalen und Pfeifen. Diese stellt er selber her im Wald. Im Sommer reist er mit mit seinen Waren oft an Mittelaltermärkte und verkauft diese dort. Auch verdient er sein Geld mit Hunde-Sitting und Kräuterkursen. Den Übernamen „Chrütli“ hat er seinen Kräuter-Kenntnissen zu verdanken. Rund 300 bis 400 Franken braucht er im Monat zum Leben.


Zufluchtsort

Zurück im Wald. Beim Eindunkeln kommt plötzlich ein 18-jähriges Mädchen vorbei. Sie war schon öfters hier. Maia hat gerade ihre Lehrstelle als Schreinerin verloren und sucht Trost bei den Waldmenschen. Im Gepäck hat sie ihren Schlafsack und verbringt eine Nacht im Wald. In der Stadt hat sie eine eigene Wohnung, aber am liebsten ist sie in der Natur. Dort könne sie lachen – im Alltag in der Stadt jedoch nicht.


Zeitlos

„Wie spät ist es?“ Bei dieser Frage schwenkt der Kopf von Chrütli Richtung Himmel. Geblendet von der Sonne sagt er die Zeit an. Er liegt eine Stunde daneben, was daran liegt, dass kürzlich die Uhren auf Winterzeit umgestellt wurden. Ansonsten sind seine Zeitangaben präzise. Er richtet sich nach Sonnenstand und Verkehrslärm. Chrütli erledigt seine Pendenzen am liebsten am Morgen (Einkaufen, Holzholen). Da es früh dunkel wird zieht sich jeder nach dem Abendessen zurück. Das Feuer brennt weiter. Ein Buch wird gelesen oder auf dem I-Pad gezockt bis der Akku den Geist aufgibt. Ab und zu raschelt es nebenan und einige entleeren ihre Blase, bevor sie sich unter die Decke verkriechen. Das Feuer glimmt die ganze Nacht durch und ist bereit für den Morgenkaffee.


Hygiene

Auch hier zieht es die Waldmenschen zurück in die Zivilisation. Sie benutzen öffentliche Toiletten oder gehen bei Freunden oder Bekannten unter die Dusche. Sich punkto Hygiene der Natur zu stellen ist aber unausweichlich, sei es für die Körperpflege oder den täglichen Harndrang. Das grosse Geschäft wird im Wald mit Spaten und Asche verrichtet. Die Aare dient als Badewanne, ganz simpel mit einer Handseife. Von Marzili-Sommerfeeling ist weit und breit nichts in Sicht.


Zusammenleben

Chrütli macht oft Kaffee für alle und kocht das Abendessen. Er hat sich vor 6 Jahren von der Zivilisation abgekoppelt und die Waldmenschen ins Leben gerufen. Er ist der Dienstälteste und quasi der „Häuptling“. Der Begriff „Waldmenschen“ wurde ihnen von den Medien aufgedrückt. Sie können aber gut mit diesem Begriff leben. Chrütli wuchs im Bethlehemacker-Quartier auf und ging dort zur Schule, diese ist nur wenige hundert Meter von seinem Lager entfernt. Feste Regeln und Aufnahmekriterien gibt es keine. Gemäss der Stadt Bern müssen sie aber die Auflage erfüllen, dass nicht mehr Menschen im Wald wohnen als bisher. Es herrscht keine WG-Mentalität. Jeder lebt in seiner eigene Hütte und manchmal sehen sie sich tagelang nicht. Dennoch sind sie voneinander abhängig und pflegen ein soziales Zusammenleben.


Abschied

Nach 2 Wochen breche ich mein Zelt wieder ab. Die Waldmenschen haben mich in dieser Zeit liebevoll aufgenommen. Mal war die Kamera mehr willkommen, mal weniger. Sie stehen ungern im Rampenlicht, gewähren mir aber dennoch einen Einblick in ihr Leben. Es ist ein kleiner Spagat zwischen Natur und Zivilisation, eine Mischung von „nie Erwachsen werden“ und dennoch das Leben selbstständig meistern. Klar ist es eine Utopie, dass die ganze Bevölkerung 365 Tage im Jahr im Wald lebt. Es ist aber Realität, dass die Meisten gar nicht in im Wald leben können oder wollen. Die Waldmenschen können und wollen es, auch wenn sie nach wie vor der Zivilisation und von der Konsumgesellschaft abhängig sind. Natur und Stadt – Gegensätze ziehen sich an. Ich habe mich gut im Wald akklimatisiert – zu gut. Noch am selben Tag kaufe ich mir für meine Wohnung einen Luftbefeuchter. Das reicht aber an Waldfeeling für mich. Die beheizte Wohnung schätze ich zu sehr und ich lasse mich auch wieder gerne von technischen Apparaturen verzaubern. Tja, so bin ich halt. Aber der Wald übt eine grosse Faszination aus. Dies wurde mir in dieser Zeit wieder klar.

Dieser Artikel ist ein Teil meiner Diplomarbeit Journalismus (DAJ) am MAZ Luzern. Der Hauptteil (Video-Reportage) folgt anfangs 2020.